Interview:

Anti-Corrosive

Zeitschrift für Industrial-Kultur

...befragt Den Dissonanten

McBroszat

AC: Wenn ich vielleicht mit einer persönlichen Frage beginnen darf...: Wie heißt Du eigentlich mit richtigem Namen? Doch sicherlich nicht wirklich "McBroszat", oder? Ich frage, weil ich beim Studium der Internet-Seiten von DwD den Eindruck bekomme, daß Ihr ein unglaubliches Geheimnis und Getue aus Euren Namen macht. Die Zeitschrift Drex zitierte kürzlich sogar Euren Bassisten Brenner mit der Behauptung, Ihr seiet eigentlich Isländer, und Dein richtiger Name sei "Broszatsson"...

McB: Nein nein, alles Quatsch, weißt Du, diese Musikjournalisten glauben einem auch wirklich jeden Sch... Eigentlich heiße ich "DJ Broszat", aber verrate es bitte nicht weiter. Weißt Du, mit so einem Namen könnte ich doch direkt einpacken in der "schwarzen Szene", da war ein Künstler-Pseudonym geradezu zwingend.

AC: Nun bist Du ja eigentlich eines der drei Gründungsmitglieder der legendären Ambient-Punk-Band "Die with Dignity". Wie kam es denn nun eigentlich, auch für Eingeweihte überraschend, letztes Jahr zur Gründung Deines Solo-Projekts "Der Dissonante"? Auch hörte ich Gerüchte, daß Du lange Zeit davor, bei der Planung der Debüt-CD "Kraut?" von DwD, Deine Band-Kollegen nur mit Waffengewalt dazu bringen konntest, Industrial-Werke wie "Kinderlied" und "Genesis" mit auf die CD zu nehmen. Stimmt das? Haben Deine Solo-Aktivitäten damit zu tun? Erzähl doch 'mal ein bißchen!

McB: DwD waren schon immer künstlerisch sehr ambitioniert, geradezu elitär. Ich erinnere mich einer Begebenheit, als ich eines Tages schon etwas erschöpft und entnervt war gegen Ende unseres 12stündigen Arbeitstages im Studio, und ich fragte etwas unmotiviert in die Runde, ob wir denn wirklich immerzu lückenlos alle Verdrahtungen und Reglereinstellungen aller Analog-Synthis in unseren Partituren mitprotokollieren müßten. Die Blicke, mit denen meine Kollegen mich daraufhin bedachten, ließen mich zweifeln, ob ich denn noch lange Bandmitglied bleiben würde. Aber weißt Du, manchmal habe ich nun einmal das Bedürfnis, es einfach 'mal so richtig ungeplant krachen zu lassen.

AC: Wie ging es daraufhin weiter?

McB: Ich konnte mir zunächst noch nicht vorstellen, so ganz auf mich allein gestellt das gewohnte Komplexitäts-Niveau halten zu können, versuchte mich als Gast-Elektroniker in verschiedenen Underground-Bands, hielt es aber nirgendwo lange genug aus, als daß es jetzt noch erwähnenswert wäre. Also, zum Beispiel waren da diese verrückten fünf Leute aus Unterhaching, nannten sich Die Gotik-Buam. Ich machte bei zwei Stücken mit, "Oans zwoa G'suffa" und "Doa legs di nieder"; letzteres hatte schon so einen ziemlichen erotischen Hintergund, kann ich Dir sagen... Nun, als es dann doch nicht zur Single-Veröffentlichung der Stücke kam, weil die Plattenfirma noch unbedingt zwölf Remixe von Westbam und Paul van Dyk verlangte, auf unsere Kosten, versteht sich, stieg ich dann direkt wieder aus. Ein paar Song-Ideen von "Oans zwoa G'suffa" habe ich dann kürzlich in meinem Werk "Glasfaser" wiederverwendet.

Dann war da diese Neo-Folk-Kapelle, "HeideKraut"... Ich sollte hierbei die Lärm-Passagen übernehmen, Gunter spielte Wander-Harfe und Ukulele und sang dazu. Irgendso ein Quatsch über Donecz-Kessel, habe ich nie so recht verstanden... Gunter (ein Künstler-Pseudonym, übrigens, er hieß eigentlich Yildirim) versicherte mir aber, das sei moderne Kunst und echt "in". Als ich schon bei ersten Probe-Gigs den Eindruck hatte, daß beim Publikum immer nur Armee-Tarnanzüge und finster-entschlossene Minen vorherrschten, nie aber Party-Stimmung aufkam, fühlte ich mich deplaciert und stieg wieder aus.

Nun, kurz gesagt, ich fand einfach keine Band, die meine Vorstellungen und Arbeitsweise teilte. Dabei hatte ich mich sogar auch einmal einem Industrial-Projekt angeschlossen, "ISO 9000" hieß es, glaube ich. Ich hätte schon beim ersten Vorstellungsgespräch stutzig werden sollen, als der Band-Sprecher, Thorsten, mich nach meinen Kenntnissen im Programmieren von Java-Beans fragte. Bei den Arbeiten schon am ersten Stück "Überwurfmutter" versagte ich völlig. Thorsten sagte mir, ich solle hierfür den Bass-Lauf gemäß folgendem Struktogramm auf einem CS7000er Digital-Signalling-Processor in Assembler-Code programmieren. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und fragte, wo ich denn 'mal so richtig solo-mäßig abgehen könnte, so mit endlosen Feedbacks und Wasserpfeife lässig im Mundwinkel und so... Er verstand gar nicht, wovon ich redete, erwiderte, es gehe nicht um 'Abgehen', sondern um Maschinenklänge für eine moderne tanzende Jugend. Daraufhin quittierte ich auch diesen Job und entschied, ganz allein auf mich gestellt weiterzumachen.

Ich meine, ich bereue nichts, es waren für mich wichtige zehn Monate, aber im Oktober 2000 entstanden dann die ersten Aufnahmen von mir als Der Dissonante. Ach ja, da fällt mir ein, ich hatte sogar einmal eine Einladung als Gast-DJ in einer Disco in Süddeutschland, von DJ Blutgier. Es gab dort einen "Lack-und-Leder-und-Gummi-Contest" im Rahmen seiner Party "Vicious Obsessions", und um nicht als Spielverderber dazustehen, habe ich auch daran teilgenommen. Na jaaaa, gewonnen hat diesen Contest dann aber irgend so ein Mädel, irgendwie unfair, schließlich hatte die doch viel viel weniger Lack/Leder/Gummi an als ich...

McBroszat beim Probeankleiden zum "Lack-und-Leder-und-Gummi-Contest"
McBroszat beim Probeankleiden zum "Lack-und-Leder-und-Gummi-Contest" 2000 im Rahmen von "Vicious Obsessions"

AC: Heißt das, Du hast mit DwD abgeschlossen? Gibt es diese von uns allen so heißgeliebte Industrial-Boygroup überhaupt noch?

McB: Aber ja, keine Sorge. Es ist etwas ruhiger geworden um DwD, das gebe ich zu. Das liegt aber nicht nur an mir. Brenner verbingt nun ganze Wochen und Monate mit Archivieren und Katalogisieren seiner Bass-Gitarren-Sammlung, und Repgen holt sich Inspirationen für neue Gitarrenriffs bei Aborigines in Australien. Dennoch entstehen immer noch neue DwD-Songs, und wer weiß, vielleicht werden wir diese ja auch irgendwann einmal veröffentlichen...!? Ich meine, uns drängt doch keiner...!

AC: Und was sind nun Deine nächsten Pläne als Der Dissonante...?

McB: Ich denke, ich werde es ruhig angehen, die Wirkung meiner Werke zunächst einmal per Internet antesten, dann werden wir 'mal sehen... Ich habe keine Eile, muß mir und niemandem mehr etwas beweisen...

AC: Wird es Den Dissonanten auch live zu sehen geben?

McB: Nein, ich denke nicht. Konzerte sind doch sowieso nur noch ein einziges Verlustgeschäft. In den 70er Jahren ging das ja vielleicht noch, außerdem galten damals Konzerte als wesentliches Merkmal von "Musizieren", aber heutzutage? Da schleppst Du tonnenweise analoges Equipment auf die Bühne, auf eigene Kosten, versteht sich, verkabelst Dich blöd, hängst vorschriftsmäßig diese gelben "Achtung Hochspannung!"-Schilder an alle Röhrenoszillatoren, fängst Dir dennoch böse Blicke vom TÜV ein, und vor Dir steht dann ein Publikum, das Dir Zigarettenqualm in die Potentiometer all Deiner wertvollen Geräte bläst und blöde grinst, wann immer Du Dich auch nur ein wenig verzockst, weil sie ihr Gespür durch all die Computer und Sequencer heutiger Techno-Kacke ruiniert haben.

AC: McBroszat, wir danken für's Gespräch und wünschen Dem Dissonanten alles Gute für die Zukunft!


© Juni 2001 gawl. Alle Rechte vorbehalten.